Am 26.02.25 besprach das Cringe-Forschungsteam Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft von Pierre Bourdieu.
Am Beginn der Diskussion über den Text Die feinen Unterschiede von Bourdieu ist festgestellt worden, dass Moral, als Werkzeug soziale Hierarchien zu strukturieren und gesellschaftliche Dominanz auszuüben, abgekoppelt wird und an jene Stelle der Geschmack tritt. In den 60’er Jahren, parallel zum Erscheinen des Textes, bildete sich die Wissenschaft der Soziolinguistik als eigenständige Disziplin heraus, die sich beispielsweise mit der Frage beschäftigte, warum es sprachliche Variationen gibt oder in der Soziologie, für uns von besonderem Interesse, wie Geschmack und soziale Distinktion miteinander verbunden sind.
Pierre Bourdieu nimmt in Die feinen Unterschiede eine soziologische Untersuchung der Praxis des Alltags vor, die durch Ästhetik und Kunst geprägt ist: „Musik und Küche, Malerei und Sport, Literatur und Frisur“.
Geschmack ist nach Bourdieu nicht Ausdruck individueller Persönlichkeit, sondern spiegelt und reproduziert sozialen Status, Klassenzugehörigkeit und kulturelles Kapital einer Person. Geschmack ist weder zufällig noch individuell. Bourdieu nimmt seine Untersuchung im Rahmen einer Soziologischen Theorie vor, die von definierbaren Klassen ausgeht. Es bleibt zu hinterfragen, inwiefern klar abgrenzbare soziale Klassen, die bei Bourdieu eine Rolle spielten, auf heutige gesellschaftliche Verhältnisse übertragbar sind: Klassenzugehörigkeiten und -distinktionen sind zunehmend uneindeutiger geworden – anstelle von Klassenzugehörigkeiten, die sich über Geschmack bilden, würde man heute wahrscheinlich über Communities sprechen.
Ausgehend von der höfischen Kultur in Frankreich und den französischen Adel bestimmt Bourdieu den Begriff des „kulturellen Adels“, der sich vor allem durch die spezifische Weise der Aneignung kulturellen Wissens und Kapitals auszeichnet, wobei legitime Kultur diejenige ist, in der sich die Konsumenten in den bestehenden Hierarchien der Künste bewegen. Legitimer Geschmack wird durch legitime Bildung und ein spezifisch situiertes Elternhaus erworben, in dem man aufgewachsen ist. Der „richtige“ Geschmack des „kulturellen Adels“ fungiert so als Distinktionsmerkmal von Klasse und verfestigt gesellschaftlich anerkennte (kulturelle) Hierarchien. Die von Bourdieu vorgenommenen gesellschaftlichen und sozilogischen Beobachtungen beziehen sich auf die französische Nachkriegszeit. Parallel dazu können beispielswiese Die Jahre von Annie Ernaux gelesen werden, in der Klasse als herausgehobenes Merkmal in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein Frankreich eine große Rolle spielt.
Bourdieu knüpft an die Die Funktionale Linguistik der 70‘er und 80‘er Jahre an, die Sprache als Kommunikationsprozess versteht, innerhalb dessen Zeichen decodiert und dechiffriert werden, um die Nachricht entschlüsseln zu können.
Kulturelle Kompetenz besitzt eine Person, die über den jeweiligen angemessenen Code verfügt, ein Kunstwerk beziehungsweise, Kunst und eine bestimmte Art von Geschmack oder eine spezifische Ausprägung von Ästhetik als Teil einer alttäglichen Praxis erkennen und lesen zu können. Die Ebene des Codes ist ein zweistufiges Erkenntnismodell eingebettet: zuerst erfolgt sie sinnliche Wahrnehmung; die sekundäre Ebene ist die des Codes, der nachträglich und mithilfe spezifischen kulturellen Wissens beziehungsweise Kapitals entschlüsselt wird. Zur Diskussion wurde die Ebene des Codes, der ratio gestellt, da zum kulturellen Verständnis und ästhetischem Genuss auch die Fähigkeit gehört, sich einfühlen zu können, wobei Erkenntnis durch Einfühlungsvermögen die Ebene des Affektes genannt werden kann. Um eine spezifische Art von ästhetischer Ausprägung verstehen zu können, gehört auch eine bestimmte Sensibilität, auch wenn Bourdieu diese, nach Panofsky, als emotionale Reaktionen erster Ebene und daher als naiv zurückweist.
Die ursprüngliche Theorie der Ästhetik war Erkenntnistheorie, die vor allem durch Alexander Baumgarten vorangetrieben wurde. Sinnliche Wahrnehmung ist nach Baumgarten Grundlage für Erkenntnis, der ein eigenes Urteilsvermögen zukommt – der Geschmack. Zur Zeit des Deutschen Idealismus zählte auch Immanuel Kant, dessen Theorie der Ästhetik auf dem Konzept des interesselosen Wohlgefallens fußt und nach dem die Erfahrung vom Schönen und Erhabenen strikt von jedweder Moral zu trennen ist. Dass Ästhetik radikal unethisch ist, ficht Bourdieu vehement in Die feinen Unterschiede an: Interesselosigkeit muss man sich leisten können. Ein populäres Verständnis von Kunst ist immer an ein Normen- und Wertesystem gebunden. Die „populäre Ästhetik“ verweigert das Verhaftetsein an die Oberfläche, ans Leichte und sucht sich so dem Vulgären und Trivialen des gewöhnlichen Alltags zu entziehen, schließt damit also auch gleichzeitig ein bestimmtes Publikum aus, für das stilistische Mittel der Verfremdung wie im Brecht’schen Theater oder andere Mittel, die eine Einbeziehung des Publikums verhindern, nicht leicht bzw. gar nicht zu entschlüsseln sind, die Kunst so nicht verstanden werden kann. Gleichzeitig, so Bourdieu, wird der reine Geschmack, die Verhaftung ans Gegebene und das Abstandslose, die Realität bloß wiedergebende durch die populäre Kunst unterwandert, um Abstand zu den Zwängen des Daseins zu gewinnen. In der ästhetischen Theorie hingegen ist das Motiv der Interesselosigkeit und der Distanz grundlegend für die Anerkennung des Kunstwerkes als eigenständiges und unabhängiges. Die reine Ästhetik, so Bourdieu, wurzele in einem Ethos frei gewählter Distanz zu den Zwängen und Nöten der natürlichen wie sozialen Umwelt. Auch hinterfragt Bourdieu die reine Intention des Künstlers, der sich außerhalb aller gesellschaftlicher und umweltlicher Einflüsse wähnt und sein Kunstwerk im Kant’schen Sinn als Produkt a priori, jenseits des (gesellschaftlichen oder politischen) Interesses sieht. Bourdieu räumt jedoch ein, dass die Freiheit der Kunst (und womöglich auch der Wissenschaft) an Interesselosigkeit gekoppelt ist: So könnte auch die Literaturwissenschaft als Feld gelten, mit der eine besondere kulturelle Kompetenz einhergeht.
Die barbarische Einordnung des Ästhetischen ins Ordinäre, wirke einer sakralen Sublimation der ästhetischen Theorie entgegen, die wiederum in ihrer eigenen Reinheit moralische Größe zu versprechen scheint.
Geschmack, als Mittel zur Abgrenzung und Distinktion, kann so Bourdieu, durchaus gewalttätig werden. Geschmack ist so, Bourdieu, keinesfalls frei von Interesse, und kann als Werkzeug gegen andere Lebensstile verwendet werden, Klassenschranken verhärten und politische Schranken aufrechterhalten.
Erwähnt wurde an dieser Stelle Trump, der sich durch Geschmacklosigkeit (von politischen Statements, Sprache, Verhalten etc.) abgrenzt und damit auch eine bestimmte politische Einstellung und Lebensstil transportiert. Hierzu wurde eine Lektüre von Nathalie Olahs 2023 erschienener Monographie Bad Taste: Or the Politics of Ugliness empfohlen.
Gleichzeitig ist eine bestimmte Form der Geschmacklosigkeit, des Cringe, auch wichtig, um Kompliz*innenschaften zu bilden. Eine sich abgrenzende Geschmacksgemeinschaft zu gründen, bedeutet auch politisch zu handeln und aktiv zu werden, gerade im Falle von Minoritäten, sich gesellschaftlich, über Geschmack, legitimieren zu können.
Die Übernahme sprachlicher Features afroamerikanischer Communities durch die weiße Mittelschicht ist weniger Affirmation oder Kompliz*innenschaft als Aneignung kulturellen Kapitals, das im ersten Schritt durch jene Schicht verfemt wird. Cringe kann so zwischen Aneignung und Affirmation schwanken und bleibt in politischer und moralischer Hinsicht ambivalent.