Beim Treffen vom 04.07. thematisierte das Forschungsteam Teresa Pratt’s „Affect in Sociolinguistic Style“ (2023) und Pradhan & Drake’s „Netflix and cringe – affectively watching ‚uncomfortable‘ TV“ (2023).
Teresa Pratt (2023) „Affect in Sociolinguistic Style“
In der Soziolinguistik spielen Personae eine zentrale Rolle – abstrakte, konventionelle Darstellungen sozialer Typen, die bestimmte Einstellungen und Emotionen hervorrufen. Diese affektiven Qualitäten werden durch sprachliche und nicht-sprachliche Zeichen ausgedrückt und verkörpert. Affekt ist ein körperliches Phänomen, das über Gestik, Haltung und Mimik vermittelt wird, und dabei emotionale Zustände, Stimmungen und Haltungen sichtbar macht.
In Pratt’s Research wird der Zusammenhang von Affekt, Personae und körperlichem Ausdruck des „having chill“ bei männlichen Schülern einer US Highschool untersucht.

Die Analyse der „having chill„-Haltung zeigt, wie Schüler Affekt und Stil durch Sprache und Körper miteinander verknüpfen, um soziale Positionen auszudrücken. Diese Praktiken verdeutlichen, dass Affekt nicht nur eine emotionale, sondern auch eine körperlich manifestierte Erfahrung ist. In der Soziolinguistik spielt Embodiment eine zentrale Rolle, da sprachliche und körperliche Ausdrucksformen eng miteinander verbunden sind. Die Art und Weise, wie Menschen sprechen, sich bewegen und verhalten, spiegelt nicht nur ihre individuelle Identität wider, sondern auch die Ideologien und sozialen Strukturen ihrer Gemeinschaft.
Pratts Arbeit bietet wertvolle Einblicke für unsere Forschung über „cringe“ als soziolinguistisches Phänomen, insbesondere im Hinblick auf die Verkörperung der „cringe„-Empfindung im digitalen Diskurs. Pratts Untersuchung zeigt, wie körperliche Positionierung und affektive Haltungen, wie das „having chill„-Verhalten, in soziale und kulturelle Bedeutungen eingebettet sind. Diese Erkenntnisse lassen sich auf digitale Räume übertragen, wo „cringe“ häufig über Beschreibungen, GIFs und Emojis verkörpert wird. Pratts Arbeit ermöglicht uns ein tieferes Verständnis der Rolle des Körpers im digitalen Diskurs.
Pradhan & Drake (2023): „Netflix and cringe – affectively watching ‚uncomfortable‘ TV„
Pradhan und Drake verwenden eine autoethnografische Methode, bei der die Forscherinnen durch Selbstreflexion und persönliche Erfahrungen kulturelle, soziale und politische Kontexte erforschen. Diese Kombination aus autobiografischem Erzählen und ethnografischer Analyse ermöglicht es ihnen, persönliche Einsichten mit größeren sozialen Phänomenen zu verknüpfen. In ihrer Untersuchung widmen sie sich dem Phänomen des Cringe-Watching, besonders im Kontext der Netflix-Serie Indian Matchmaking (2020, Staffel 1).


Laut Ngai (2004) ist Cringe-Watching geprägt von „ugly feelings„, die durch unfreiwillige, körperliche und emotionale Reaktionen wie Scham, Unbehagen und Verlegenheit ausgelöst werden.
Cringe-Watching bietet die Gelegenheit, kulturelle Momente und die Position der Konsumenten innerhalb dieser Strukturen zu verstehen. Die Autorinnen identifizieren dabei einen Zusammenhang zwischen Cringe und binärem Denken, das bestehende Ungleichheiten in der Darstellung und Rezeption westlicher und nicht-westlicher Medien reproduziert. Um diesem dominanten westlichen Blick entgegenzuwirken, bedienen sich Pradhan und Drake einer de-westernisierten feministischen Analyse, die nicht-westliche Perspektiven und intersektionale Ansätze hervorhebt, um Unterschiede in den Erfahrungen von Frauen basierend auf Geschlecht, Rasse, Klasse und Herkunft sichtbar zu machen.
Die Studie zeigt auf, dass Cringe-Watching drei wichtige Funktionen erfüllt:
- Es ermöglicht den Zuschauer, Mitgefühl und Empathie zu üben, indem sie sich mit den gezeigten Figuren und deren Situationen identifizieren.
- Es legt tief verwurzelte Vorurteile und Prozesse des Othering offen, indem es Zuschauer dazu anregt, ihre eigenen Reaktionen und Vorurteile zu hinterfragen.
- Es bietet eine Möglichkeit, Autoritäten und gesellschaftliche Normen zu hinterfragen und eine kritische Reflexion der eigenen kulturellen Position vorzunehmen.
Trotz einiger kritischer Anmerkungen unsererseits hat uns die Studie von Pradhan und Drake inspiriert, unsere eigene ethnografische Untersuchung anhand von „Cringe-Watching“ zu versuchen (tba). Ihre Analyse zeigt eindrucksvoll, wie affektive Reaktionen auf Medien nicht nur individuelle Emotionen, sondern auch tiefere kulturelle und soziale Strukturen widerspiegeln.