Am 14.06.2024 traf sich das Cringe Forschungsteam in Berlin zum ersten Mal zu viert. Besprochen wurden Sara Ahmed’s (2004) The Cultural Politics of Emotion: Introduction „Feel your way“ und Smith-Prei und Stehle’s (2016) Awkward Politics Kapitel 5: “The Affects of Adolescent Aesthetics”.

Sara Ahmed (2004): „Feel your way“

Sara Ahmeds einleitendes Kapitel zu The Cultural Politics of Emotion (2004) untersucht, wie Emotionen die Oberflächen von Körpern und Gemeinschaften formen und dabei Machtverhältnisse stabilisieren oder hinterfragen. Emotionen werden dabei nicht als rein innere Zustände betrachtet, sondern als soziale und kulturelle Praktiken, die Beziehungen und Grenzen zwischen „uns“ und „den anderen“ gestalten. Ahmed fragt: „What do emotions do?“ (S. 4) und zeigt, dass sie sowohl zwischen Körpern zirkulieren als auch an Objekte haften können.

Ahmed beschreibt, wie Emotionen Grenzen zwischen Gruppen ziehen, indem sie andere als Quelle negativer Gefühle markieren. Diese Form des „Othering“ schafft Feindbilder und stärkt kollektive Identitäten. Metaphern wie „harte“ und „weiche“ Grenzen, zum Beispiel, veranschaulichen, wie Gefühle machtpolitisch, aber auch geschlechterspezifisch konnotiert sind. Eine „weiche Nation“ wird als emotional, passiv und zu leicht beeinflussbar beschrieben – Eigenschaften, die Ahmed mit Misogynie verbindet. Diese metaphorische Aufladung von Emotionalität zeigt, wie „fear of passivity“ zugleich eine Angst vor Emotionalität und Schwäche ist. Es existiert demnach eine hierarchy of emotions (S. 5).

Emotionen – Objekte – Macht

Auf Descartes und Aristoteles zurückgreifend beschreibt Ahmed, wie Emotionen zwischen dem Selbst und einem Objekt entstehen können, und deren Bedeutung prägen. Sie illustriert dies anhand der im Menschen wahrgenommenen Gefahr ausgehend von einem Bären. Die Gefahr ist weder dem Bären noch dem Menschen inherent; sie entsteht zwischen Subjekt und Objekt im Moment der Begegnung, und formt diese dabei. Es entstehen „impressions“, die sich durch das Erleben der Emotion im Kontakt bilden: „I have an impression of others, and they leave me with an impression, they impress me, and impress upon me“ (S. 6). Solche impressions, ebenso wie die Emotionen, können an Objekten haften bleiben. Gefühle wie Wut oder Stolz haften an diesen sogenannten „sticky objects“ (S. 11), die durch politische Narrative aufgeladen werden können, und besitzen affektive Werte, die sich historisch entwickeln, etwa in rechtspopulistischen Diskursen. Sie können demnach als Werkzeuge der politischen Mobilisierung dienen. Emotionen sind bedeutender Bestandteil von menschlichem und politischem Worldbuilding; zu finden sind sie beispielsweise häufig in rhetorischen Stilmitteln wie Metonymien und Metaphern.

Cringe? 🥴

Sara Ahmeds Text und ihre Analyse der Verortung und Wirkung von Emotionen liefern eine gute Grundlage, um das Spannungsfeld von Selbstzuschreibung und Fremdzuschreibung zu beleuchten, das oft im Cringe Affekt zu finden ist. Wo genau befindet sich der Cringe? Während das Subjekt die Peinlichkeit empfindet, wird zugleich ein Objekt identifiziert, das diese Empfindung auslöst. Dieser Prozess zeigt, wie Cringe nicht allein „im Subjekt“ existiert, sondern in der Beziehung zwischen Subjekt, Objekt und der sozialen Umgebung entsteht.

Kann Cringe als Form des „Othering“ betrachtet werden, bei der Peinlichkeit als Mittel der Distanzierung genutzt wird? Von wem distanziert man sich? Wer distanziert sich? Warum? Welche „impressions“ werden erzeugt?

Welche Rollen spielen strukturelle Machtverhältnisse? Gibt es bestimmte Gruppen oder Kontexte, in denen Cringe häufiger als emotionale Reaktion hervorgerufen wird, und warum?

Smith-Prei und Stehle (2016): “The Affects of Adolescent Aesthetics”

Smith-Prei und Stehle untersuchen in ihrem Kapitel „The Affects of Adolescent Aesthetics“ die produktive Rolle von Awkwardness – verstanden als eine Form von Verlegenheit, Fremdheit und Unbehagen – im Popfeminismus. Awkwardness wird hier als ästhetische Praxis verstanden, die durch ihre Eigenschaften von „embarrassment, strangeness, discomfort, breakage, humour, adolescence, mistakes“ eine affektive Resonanz erzeugt (S. 139). Auch wenn der Begriff Cringe hier nicht fällt, wird die Anwendbarkeit dieses Texts für die Cringe Forschung sofort deutlich. Wie Cringe ist auch Awkwardness zutiefst körperlich und relational: Sie entsteht im Zusammenspiel von Emotion, Macht und der Wahrnehmung durch andere.

Awkwardness describes the aesthetics of such politics as one of becoming, of process, of defiance, and of disruption (S. 140).

Die Autorinnen greifen auf Theorien des Affective Turn zurück, um Affekt als Verbindung zwischen Emotion und Macht zu begreifen. Affekt kann die Grenzen des Körpers überschreiten und Potenziale für Veränderung bergen. In Foucaults Begriff der Biopolitik zeigt sich, wie Macht über Körper und Leben ausgeübt wird – etwa durch Überwachung, Geschlechterregeln oder kapitalistische Kontrollmechanismen. Feministische Protestformen wie der SlutWalk in Berlin nutzen diese Dynamik bewusst, um durch die gezielte Affizierung von Zuschauer*innen und die Betonung von Unbehagen strukturelle Gewalt sichtbar zu machen.

Die Verbindung von Ästhetik – verstanden als die Organisation der Sinne – und Politik wird durch die Kategorie der Awkwardness besonders sichtbar. Smith-Prei und Stehle beschreiben die „social aesthetics“ als die Untersuchung von Emotionen, Wahrnehmung und körperlichen Erfahrungen im kulturellen Kontext. Awkwardness fungiert dabei als Bruchstelle („rips“ [S. 149]), die die bestehende Ordnung der Sinne destabilisiert und transformative Momente schafft.

Literarische Beispiele

Smith-Prei und Stehle verweisen hier auf zwei Autorinnen und ihre Werke: Hegemanns Torpedo und Axolotl Roadkill, und Roches Feuchtgebiete illustrieren die Ästhetik der Awkwardness, indem sie den Text durch Unbehagen, Brüche und körperliche Intensität aufladen. In Torpedo und Axolotl Roadkill werden „rips“ in der Film- und Textstruktur genutzt, um Zuschauer*innen bzw. Leser*innen affektiv zu fordern, während Feuchtgebiete durch physische und emotionale Grenzen hinwegschockiert. Beide Werke greifen neoliberale Prekarität und Kategorien wie Gender, Sexualität und Klasse auf, und kreieren bewusst starkes Unbehagen, um die Zuschauer*innen in kaum auszuhaltende Sphären zu reizen.

Cringe? Cringe!

Die Affekte (und Effekte) der Awkwardness sind eng verwandt mit denen des Cringe, weshalb Smith-Prei und Stehles Kapitel eine grundlegende Stütze für das Forschungsprojekt darstellt. Hand in Hand mit Sara Ahmeds Text wird erneut auf die politische Kraft des Affekts hingewiesen: Durch die real-politischen und literarischen Beispiele wird sichtbar, wie Awkwardness – aber auch Cringe – als ästhetische Praxis des „Becomings“ und des Widerstands eingesetzt werden kann.

Auch die explizite Körperlichkeit als Werkzeug wird in den Beispielen besonders deutlich. Hier keimt ein Ansatz für soziolinguistische Analysen bezüglich embodiment im Cringe Affekt. Was tut ein Körper, der Cringe auslöst? Welche Körper haben vielleicht inherentes Cringe-Potential? Wie genau cringt ein Körper, der ihn wahrnimmt? Entsteht dadurch ein Machtgefälle? Wenn ja, in welche Richtung? Wie kann das (digital) zum Ausdruck gebracht werden? Wann wird diese Praktik politisch?