Jour fixe vom 04.12.24

Am 04.12.2024 beschäftigte sich das Cringe-Forschungsteam mit der Einleitung zur Veröffentlichung Ugly Feelings (2005) von Sianne Ngai und „It’s supposed to Look Like Shit. The Internet Ugly Aesthetic“ von Nick Douglas.

Sianne Ngai: Ugly Feelings

Am 04.12.24 ist das Cringe-Forschungsteam zusammengekommen, um die Einleitung zu Veröffentlichung Ugly Feelings(2005) von Sianne Ngai zu lesen. Von besonderem Interesse waren dabei einschlägige Passagen zur aufgeschobenen oder ausgesetzten Handlungsfähigkeit und emotionalen Negativität bei literarischen Figuren, die in Verbindung mit den affektiven Qualitäten von cringe gelesen werden können. Angesichts von sozialer Machtlosigkeit in einer kapitalistisch strukturierten Welt der Spätmoderne, stellt sich die Frage, inwiefern Kunst und Literatur einen alternativen Raum zur Verhandlung gesellschaftlich-politischer Spannungen bereitstellen und auch Lösungen bieten können. 

Sianne Ngai geht von einer affektgeleiteten kommerziell-gesellschaftlichen Struktur aus, was sie an Hermann Melvilles Bartleby, the Scrivener. A Story of Wallstreet (1853) festmacht: Bartleby arbeitet in einem Büro an der Wall Street und übt Widerstand durch (politische) Verweigerung und völlige emotionale Indifferenz aus, wobei Bartlebys Büro, so Ngai, dabei als entgegengesetzter Raum zu hochdifferenzierten und -funktionalisierten Welt der Moderne gelesen werden kann. 

Ngai zieht eine Parallele zu Adornos Analyse der Autonomie des Ästhetischen und des Sozialen, in der Kunst als von der empirischen Gesellschaft abgetrennter Bereich markiert und somit auch Kunst als Katalysator für gesellschaftliche Veränderungen hinterfragt wird. Adorno sieht jedoch in der autonomen Eigenschaft und Verortung von Kunst das Potenzial, soziale Ohnmacht und Ungerechtigkeit von diesem Standpunkt überhaupt erst theoretisieren zu können, wie es keine andere kulturelle Praxis vermag. Insbesondere Literatur erscheint als idealer Ort, um ugly feelings, die über den Rahmen des ästhetisch angemessenen und gesellschaftlich akzeptierten hinausgehen, eingehend untersuchen zu können. 

In Ugly Feelings macht es sich Nagi zum Vorhaben, die Kategorie „ästhetischer Emotionen“ zu erweitern und zu transformieren. Entgegen der Aristotelischen Konzeption von Katharsis, bieten hässliche Gefühle keinen Weg in tugendhafte Zufriedenheit und Erlösung – die zu untersuchenden Gefühle hält Ngai als explizit amoralisch und non-kathartisch fest, wobei Katharsis nach Aristoteles nicht gänzlich verworfen wird, sondern als Folie für weitere theoretische Ausführungen fungieren soll.

Cringe kann einerseits als ugly feeling kategorisiert werden, ist gleichzeitig aber auch artverwandt mit moralischen Gefühlen wie Sympathie, Melancholie und Scham, die Ngai als potenziell moralisch erhebende Gefühle von ihrem theoretischen Rahmen ausschließt. 

Ugly Feelings soll als übergreifendes theoretisches Projekt, denn als historischer Abriss von Gefühlen umgesetzt werden, was eine genre-, form- und periodenübergreifende Form des Lesens erlaubt: Text werden so häufig miteinander ins Spannungsverhältnis gebracht und können so mit der Methode des disjunktiven Syllogismus theoretisch untersucht und fruchtbar gemacht werden. 

Siane Ngai betrachtet in ihren Überlegungen eine konkrete affektive Bandbreite, die sie als negative Emotionen zusammenfasst: Neid, Ängstlichkeit, Paranoia, Irritation, Belebtheit und die Verschmelzung von Langeweile und Schock. Letzteres fasst sie unter dem Begriff stuplimity zusammen, der eine non-triviale Art der Mediation zwischen dem Ästhetischen und dem Politischen markiert. Damit geht Ngai von einem sehr strengen Begriff von Ästhetik aus, der von Kants Theorie der Ästhetik in die Gegenwart übertragen wird. Das erlebende Subjekt ist bei Kant im Erhabenen der Natur und dem Endlosen ausgesetzt, während Ngai die ungewöhnliche Synthese zwischen Erregung und Müdigkeit betont, die als Reaktion auf ein ausgebreitetes und gebundenes artifizielles System eintritt. Gegenüber der Begegnung mit dem Erhabenen resultiert die Berührung mit stuplimity in Erschöpfung, nicht in Terror. 

Stuplimity fungiert als eine Art Mediation zwischen dem Ästhetischen und dem Politischen: negative Emotionen werden im Zuge Ngais Überlegungen zum Knotenpunkt von mit politischer Bedeutung aufgeladener Dilemmata, die eine Vielzahl unterschiedlicher Probleme (formal, ideologisch, soziohistorisch) auf spezifische Art vereinen und durch einen generellen Status von Handlungsohnmacht einer literarischen Figur eingeführt werden. Ein spezifisches ästhetisches Gefühl resultiert so auch in einer bestimmten Art der ästhetisch-literarischen Darstellung.

Ngai betont, dass Bestrebungen der Aneignung und auf Produktivität hin operationalisierte emotionalen Idiome sich einerseits ihrer Reduktion zum klassizistischen Ressentiment widersetzen und sich andererseits Heilsversprechen und simplen therapeutischen Lösungen verweigern, die ihre negative Zuschreibung evoziert. Obwohl innerhalb der Überlegungen Ngais negative Emotionen auch auf ihre kritische Produktivität hin befragt werden, wird gleichzeitig auf die Gefahren hingewiesen, die sich nach Paolo Virno im Optimieren von Arbeitskräften, im Ausgleich ihrer Schwächen und Neurosen hin zu erlernten Fähigkeiten wie Flexibilität und Anpassungsbereitschaft für den kapitalistischen Arbeitsmarkt, zeigen. 

Ngai verweist auf die Grenzen, die Kunst im Hinblick auf ihr möglicherweise aktivistisches und produktives Potenzial gesetzt sind: Kunst als abgetrennter und autonomer Bereich bietet, wie kein anderer, Raum, Kritik an bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu üben, ist in ihrer Handlungsmacht aber auch limitiert wie keine andere kulturelle Praxis. 

Nick Douglas: It’s Supposed to Look Like Shit: The Internet Ugly Aesthetic

Nick Douglas widmet sich in seinem Aufsatz der ästhetisch hässlichen Seite des Internets – der Internet Ugly Aesthetic. Internet Ugly ist ein Trend, der sich bereits seit vielen Jahren hält und der von vielen Online-Kulturen wieder aufgegriffen, verändert und variiert wird. Vor allem findet sich der Stil in Memes wieder. Internet Ugly kann von Amateur*innen ohne spezifische Intention produziert werden oder aber auch von Creator*innen, die sich der Ästhetik des Internet Ugly widmen und kann so als intentional angewendeter ästhetischer Dialekt verstanden werden. Ugliness zeichnet sich durch die performativ hervorgheboneen Gestus der Schnelligkeit, Leichtigkeit- und Mühelosigkeit aus, mit der der Content scheinbar kreiert wurde und suggeriert Coolness und Lässigkeit.

Creator*innen verwenden Internet Ugly Aesthetic, um sich aktiv von der aktuellen digitalen Kultur abzugrenzen, in der Ästhetiken der Selbstoptimierung, yessification und beautification vorherrschen. Die Ästhetik des „fresh out of the shower“, des Mühelosen, beufeuert jedoch einen einen im Text von Douglas nicht hinterfragten Sexismus: Ugliness, verstanden im Sinne einer maskulin kodierten Praxis in Internet Ästhetiken, fungiert hier als Abgrenzung zu einer bestimmten Form von Weiblichkeit, die nicht cool oder lässig daherkommt, sondern mit Semantiken der Wärme, des Sich-Mühe-Gebens und der Nähe verbunden ist.