Cringe

Eine linguistische Perspektive

Aufbauend auf der grundlegenden Arbeit von Bucholtz und Hall (2016) entwickelt sich der Begriff der Verkörperung zu einem zentralen Konzept in der soziolinguistischen Theorie und Analyse. Neuere Ansätze haben die feinen semiotischen Details der körperlichen Hexis mit Analysen soziophonetischer Variation und der Soziopragmatik von Haltungen verbunden, wie zum Beispiel in Pratts ethnografischer Studie über „having chill“ (Pratt 2023) oder in der Arbeit von Levon und McElliott über Eliteness und „bodily ease“ (2024).

Im Gegensatz dazu wurde der soziolinguistischen Konstruktion digitaler Körper bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl Bucholtz und Hall (2016: 173) explizit darauf hinweisen: „even as technologically mediated forms of communication may seem to displace physical bodies as sources of linguistic production, the body insistently reasserts itself in communicative practices in the spheres of technology and the media.“

Unsere Forschung zielt darauf ab, die Soziolinguistik der digitalen Verkörperung voranzutreiben, indem sie die digitale sprachliche Praxis rund um den Begriff „cringe“ untersucht. Als morphologisch flexibles Element lässt sich „cringe“ leicht zwischen Verwendungen als Verb, Adjektiv, Substantiv und Diskursmarker umwandeln.

In den letzten Jahren hat die Nutzung des Begriffs sowie die metalinguistische Aufmerksamkeit stark zugenommen, durch mediatisierte Genres, die darauf Bezug nehmen (Cringe-Comedy, „try not to cringe“-Kompilationen, Millennial-Cringe, Heterocringe etc.), aber auch durch seine Verwendung als sprachliche Ressource in digitalen Kontexten.

Wichtig ist, dass die Verbindung von sprachlichem Affekt und körperlicher Semiotik bereits in der Etymologie von „cringe“ seit seiner frühesten belegten Nutzung im 13. Jahrhundert eingeschrieben ist. Somit ist „cringe“ mit einer körperlichen Hexis der angespannten Reaktion und dem ambivalenten Affekt des angenehmen Verlegenseins verbunden.

Daten

Wir nutzen ein kuratiertes Korpus von Social-Media-Beiträgen (Twitter, Instagram und TikTok), um diskursive Konstruktionen des digitalen Körpers im Cringe-Diskurs zu beleuchten.

Sammlung

Die Datenpunkte wurden halbmanuell gesammelt und für zwei Arten von digitaler Körpersprache codiert: verbale Kontextualisierungen, die Körper einbeziehen (durch beschreibende Sprache, die auf die Sensorik und andere körperliche Aspekte verweist), sowie multimodales Material wie Emojis, Reaktionsbilder und geteiltes Material.

Die analysierten diskursiven Praktiken umfassen nicht nur ad-hoc-Formen soziolinguistischer Verkörperung, sondern auch „kanonische“ Cringe-Körpersprache in Form von wiederkehrenden Phrasen und multimodalen Elementen. Diese indexikalischen Formen der Cringe-Verkörperung können im Kontext bestehender Forschungen zu verwandten digitalen Praktiken interpretiert werden, z.B. Pages Interpretation des Selfie-Diskurses als Hinweis auf visuelle Implikaturen (Page 2019: 29).

Dieser Beitrag ist als erste empirische Beobachtung und theoretische Kontextualisierung der Soziolinguistik der digitalen Verkörperung gedacht.