Der Schwerpunkt Ästhetik zielt auf eine Bestandsaufnahme populärkultureller und literarischer Modellierungen von Cringe und deren theoretischer Konzeptualisierung. Der literaturwissenschaftliche Teil des Projekts widmet sich drei Schwerpunkten:

Cringe als ambivalente Ästhetik der Gegenwart

Literarische wie populärkulturelle Cringe-Ästhetiken arbeiten mit der Übertragung von Affekten der Scham und einer damit verbundenen Lust, die nicht für alle in gleicher Wiese funktioniert und keiner allgemeinen Gesetzmäßigkeit gehorcht. Wie das ästhetische Urteil ist auch die Zuschreibung „cringe“ ein subjektives Urteil, das eine allgemeine Zustimmung nur nahelegt, aber nicht verbindlich herstellen kann. Cringe scheint in seiner Ambivalenz von Schamhaftigkeit und Lustempfinden der „negativen Lust“ (Kant) des Erhabenen näher als dem Schönen. Anders als das Erhabene erlaubt Cringe aber keinen distanzierenden Rückzug auf die innere Freiheit. Insofern Cringe körperlich affiziert und überwältigt, scheint es der Scham (Büttner), der Peinlichkeit (Smith Streele), dem Ekel (Menninghaus) oder der Drastik (Giuriato) näher als dem interesselosen Wohlgefallen oder dem freien Spiel der Urteilskraft. Cringe berührt zwangsläufig. In der ursprünglichen Bedeutung von „to cringe“ ist diese Dimension als leibliche Reaktion des Krümmens, Zusammenzuckens enthalten. Damit gehört es wie „interessant“, „cute“ und „zany“ zu einem breiteren Register gegenwärtiger Sensibilitäten (Sontag, Ungar) und Ästhetiken (Ngai, Baßler / Drügh). Als Aufhebung einer Ästhetik der Distanz sind cringe-Urteile aber zugleich auch Geschmacksphänomene sozialer Distinktion und individueller Identifikation (Bourdieu), die Stilgemeinschaften (Venus) und digitale Selbstidentifikationen (Contrapoints) ermöglichen, vorantreiben und artikulieren.

Cringe Comedy

Als Cringe Comedy bezeichnete komische Serienformate haben sich auf diversen Streaming-Plattformen und auch im öffentlichen Fernsehen inzwischen fest etabliert. Besonders häufig werden Curb Your Enthusiasm oder The Office als Ursprung oder wichtige Bezugspunkte des Genres benannt (Schwanebeck). In den letzten Jahren sind aber vor allem weibliche Protagonistinnen populär geworden – als global besonders erfolgreiche Produktionen wären hier etwa FleabagHacks oder zuletzt Too Much zu nennen. Cringe als komisches audiovisuelles Darstellungsverfahren wird hier insbesondere im Hinblick auf ambivalente Haltungen und Modellierungen von Feminismus interessant (Zanichelli). In dieses Feld gehören auch zwei ARD-Serien, die 2024 ausgestrahlt wurden: Sexuell verfügbar und Schwarze Früchte.

Die Ambivalenz von Verlach- und Inkongruitätskomik der genannten Beispiele spiegelt die Grundambivalenz des Cringe-Phänomes wider, das sowohl verletzend als auch empathisch eingesetzt und wahrgenommen werden kann. Viele Cringe-Accounts, -Memes und -Kompilationen in sozialen Medien verwenden Techniken der Verlachkomik und des tendenziösen Witzes (Freud) und sind der Schadenfreude zuzurechnen. Genres der Cringe Comedy arbeiten demgegenüber stärker mit der Uneindeutigkeit von affektiven Reaktionen – sei es als fiktional-dokumentarische Beobachtung sozialen Fehlverhaltens bei Michael Scott in The Office, sei es als identifikatorische Empathie mit dem Scheitern an Geschlechterverhältnissen der Gegenwart bei Fleabag oder Sexuell Verfügbar oder als Ausstellung von Vulnerabilität in Schwarze Früchte. Über die Unterschiede der Erzeugung von Komik hinweg verbindet Cringe Comedy-Formate, dass mit den zentralen Figuren eine ungebrochene Sympathie nicht möglich ist, dass die absichtlichen oder ungewollten Fehler der Figuren ausgehalten werden müssen oder gerade den Anlass des Lachens bilden. Aushandlungen gesellschaftlicher Tabuisierungen, Darstellungen von Eitelkeit und Selbstbezüglichkeit sowie Vorführungen kleineren oder größeren Fehlverhaltens und Versagens im Alltag – Cringe Comedy umfasst ein Spektrum zwischen rassistischen Figuren toxischer Männlichkeit und uneindeutigen feministischen Verortungen bis zu queeren Figuren künstlerischer Vulnerabilität. 

Cringe und Gegenwartsliteratur

Im Kontext divergierender Schreibweisen nach der Digitalisierung (Schumacher, Kreuzmair, Pflock) sind Cringe-Ästhetiken zunehmend da vorzufinden, wo sich digitale Kommunikation und künstlerische Produktion zu überschneiden beginnen. Stefanie Sargnagel und Sveamaus sind zwei Autorinnen, deren literarische Tätigkeit aus Social Media-Kontexten hervorgegangen ist. Bei beiden hängen Autorinnen-Inszenierung genauso wie Schreibweisen mit Darstellungsverfahren digitaler Medien zusammen. Verfahren der satirischen und grotesken Überzeichnung finden sich hier sowohl im content wie in literarischen Texten.

Zu beobachten ist auch, dass digitale Subjektivierungstechniken (Reckwitz) auf die eine oder andere Weise als Erzählverfahren in literarischen Texten genutzt werden. Individualisierte Praktiken der (peinlichen) Selbstbeobachtung konstituieren das Selbstverhältnis der Protagonisten etwa in AIR (Christian Kracht) und Allegro Pastell (Leif Randt), das durch den Hashtag MeToo gesetzte Thema sexuelle Belästigung findet Eingang in Ciao(Johanna Adorján), Verfahren der Vulnerabilität werden als produktionsästhetische Strategie in der Gegenwartslyrik verfolgt (Lea Schneider) und rezeptionsästhetisch beschreibbar (Ungar).