In der Literaturwissenschaft versuchen wir uns mit der Frage auseinanderzusetzen, ob eine Ästhetik des Cringe auch auf literarische Texte zutreffen kann. Dabei werden Positionen der Gegenwartsästhetik mit Kategorien von Ästhetik aus der Philosophie in Verbindung gebracht, um ‚Cringe‘ als ästhetisches Phänomen näher beschreiben zu können. Das in letzten Jahren äußerst beliebt gewordene Serien-Genre ‚cringe-comedy‘, das nicht gänzlich auf kinematische Formate beschränkt ist, ist auch im Hinblick auf literarische Texte von besonderem Interesse: Inwiefern können literarische Texte, die womöglich mit einer strukturell angewandten Form des Phänomens ‚Cringe‘ arbeiten, verschiedene Arten des Lachens evozieren – wie wird warum auf welche Inhalte und strukturelle Merkmale reagiert? Zentrale Rolle spielen Affekte wie Scham, Peinlichkeit, Drastik und Ekel, auf die der literarische Text hin befragt werden soll, wobei die Position der Leser*in zum Text und deren eigenes Schamgefühl dabei nicht außer Acht gelassen werden können – vielmehr sind sie für eine Untersuchung des ästhetischen Phänomens ‚Cringe‘ durchaus zentral. Weiterhin ist zu erforschen, ob eine literarische Ästhetik des ‚Cringe‘ unbedingt an soziale Medien und postdigitale Formate gebunden ist oder Phänomene des ‚Cringe‘ auch an Texten festgemachten werden können, die literaturhistorisch weiter zurückliegen.